
Baumlang und Felsenfest
Eine Liebesgeschichte von Helmuth
Santler, illustriert von Maja Pogacnik
Auf einem Hügel lag einst ein großer Felsen. Er hatte, für einen
Felsen, einen sehr einfachen Namen, er hieß Glindoreanison Suskjanewick;
aber Glin genügte ihm auch.
Glin konnte sich von seinem Platz aus nach allen Seiten umschauen. Aber der
schöne Rundblick bedrückte ihn nur, denn er konnte genau sehen, dass
es niemanden zu sehen gab.
Der Felsen fühlte sich einsam. Er sehnte sich nach Gesellschaft. Weit und
breit gab es keine anderen Felsen oder wenigstens Bäume, um sich einmal
so richtig auszusprechen. Er versuchte es sogar mit den Vögeln, die auf
ihm landeten. Er sagte: "Einenschönen guten Tag, lieber Vogel."
Aber für die Vögel hörte sich das dann etwa so an:"Eeeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiinnnnnnnnnnnneeeeeeeeeeeeennnnnnnnnnn
schschschschööööööööööööö
...". Länger als bis schö war noch keiner geblieben.
Felsen leben eben unendlich langsam. Glin brauchte den ganzen Frühling,
um richtig munter zu werden. Im Sommer begrüßte er einige Vögel.
Der Herbst verging rasch und gemütlich. Und im Winter deckte er sich mit
Schnee zu und schlief ein Weilchen.
Glins Kopf war von einem dicken Teppich aus Erde und Moos bedeckt. Eines Tages
landete darauf ein Vogel, der im Schnabel einen Kiefernzapfen trug. Genüsslich
pickte er sich die wohlschmeckenden Kerne heraus und flog wieder davon.

Einer der Kerne aber war aus dem Zapfen gefallen und hatte sich im weichen Moos
verborgen.
Glin hatte wie immer den Vogel kaum bemerkt, so rasch war der wieder verschwunden.
Doch kurze Zeit später meinte er etwas an seinem Kopf zu spüren, dass
sich wie ein sanftes Streicheln anfühlte.
Er fragte: "Wer sitzt da auf meinem Kopf?"
"Ich bin eine junge Kiefer", antwortete ein zartes Stimmchen. "Ich
heiße Nadila."
"Und womit streichelst du mich?", wollte Glin wissen.
"Mit meinen Wurzeln. Ich wachse auf dir."
Der Felsen war zufrieden und legte sich zur Ruhe.
In den nächsten Tagen lernten die beiden einander besser kennen. Glin war
glücklich, endlich jemanden gefunden zu haben, der ihm stundenlang zuhörte.
Und Nadila freute sich über ihren Platz, von dem aus sie alles überblickte,
und über die Geschichten, die der Felsen zu erzählen wusste.
Nach drei Felsenwochen war die Kiefer zu einem stattlichen Baum herangewachsen.
"Glin", sprach sie zu dem Felsen, "ich bin jetzt ein großer
Baum. Ich mag dich von Herzen gern und auch den Platz, auf dem ich stehe. Aber
er wird mir zu eng. Es gibt hier zu wenig Erde für mich."
Glin antwortete ihr: "Rund um mich ist genug Erde für einen ganzen
Wald. Umarme mich mit deinen Wurzeln, bis du sie erreichst."
Und so streckte Nadila ihre Wurzeln aus und umarmte den Felsen. Sie erreichte
die Erde und wuchs weiter. Nach einiger Zeit war sie eine mächtige, große
Kiefer geworden.
Die Tage und Nächte vergingen, doch nie wurden die beiden einander überdrüssig.
Glin erzählte von den Bergen und Tälern und Flüssen, und Nadila
hörte ihm andächtig zu. Und Nadila sprach über all jene Dinge,
die zu rasch für den Felsen waren: Über die Tiere des Landes, die
Vögel, die in ihren Zweigen ihr Nest bauten, und die Wolken, die über
den Himmel zogen.

Manchmal kitzelte Nadila Glin mit ihren Wurzeln. Dann schüttelte sich der
große Felsen und schaukelte Nadila hin und her. Die Vögel in der
Kiefer wurden aus ihren Nestern geworfen und flatterten laut zeternd herum.
"Um Himmels willen", stöhnten sie, "ein Baum, der in einen
Felsen verliebt ist! Die Welt ist verrückt." Kopfschüttelnd kehrten
sie in ihre Nester zurück. Aber insgeheim waren sie froh, in einem glücklichen
Baum auf einem glücklichen Felsen zu leben, und konnten den beiden nicht
böse sein.
Doch eines Nachts geschah ein Unglück. Es war eine Nacht von so großer
Kälte, wie sie nicht einmal Glin je erlebt hatte. Keine Decke aus Schnee
wärmte ihn, und der Frost zog und zerrte mit furchtbaren Kräften an
dem Felsen. Und zuletzt wurde Glin in der Mitte auseinander gesprengt; ein haarfeiner
Riss durchzog ihn vom Scheitel bis zur Sohle.
"Was ist passiert?", rief Nadila erschrocken aus. Ein schrecklicher
Ruck war durch den Felsen gegangen und hatte sie aus ihrem Schlaf gerissen.
"Ich bin verloren", stöhnte
Glin. "Die Kälte war zu viel für mich. Ich falle auseinander."
Doch Nadila nahm all ihre Kräfte zusammen und hielt mit ihren Wurzeln die
beiden Hälften des Felsens fest. "Solange ich lebe", sagte sie,
"werden wir zusammen sein."
Und wieder vergingen viele Tage und Nächte, die die beiden in gemeinsamem
Glück verbringen konnten.
Dann aber sprach Nadila: "Glin, ich werde alt und meine Kräfte lassen
nach. Ich kann dich nicht mehr halten. Lebe wohl, mein Freund." Eine dicke,
harzige Träne tropfte zu Boden.
"Lebe wohl, geliebte Nadila", sagte Glin. Mit einem ohrenbetäubenden
Krachen zerrissen die alten, brüchigen Wurzeln der Kiefer und der Felsen
zerfiel in zwei Hälften. Nadila stürzte dazwischen auf die Erde.
Im selben Moment hauchten die beiden ihre Seelen aus.
Aber Seelen leben ewig und suchen sich immer wieder eine neue Bleibe, einen
neuen Körper. Die Seelen von Nadila und Glin schlüpften in zwei Babys,
in ein Mädchen und einen Jungen.
Lange Zeit später wanderte Glen, ein Junge von zehn Jahren, wieder einmal
zu seinem Lieblingsplatz, einem Ort, an dem eine mächtige, umgestürzte
Kiefer zwischen den Hälften eines riesigen Felsens lag.
Doch an diesem Tag war schon jemand vor ihm hingekommen. Ein junges Mädchen
saß auf der Kiefer und lächelte ihn an.
"Ich heiße Nadja", sagte sie. "Und wer bist du?"