Was wäre Schwarz fahren ohne Schwarzkappler?

Jäger des verlorenen Fahrscheins

„Guten Tag, die Fahrscheine bitte!“ Ein schlichter Satz, doch welche Wirkung: hektisches Suchen in Taschen und Geldbörsen, entspanntes Präsentieren des zerknüllten „Fahrausweises“, Triumph des guten Gewissens, Erbleichen der Sünder, schadenfrohes Grinsen der Mitfahrenden begleitet die Formalitäten nach der erfolgreichen Jagd.

Die Ertappten reagieren auf unterschiedliche Weise: routinierte Schwarzfahr-Profis greifen in die Brusttasche und entnehmen ihr abgezählte 440 Schilling – die reine Freude für jeden Kontrollor. Die Gelegenheitsbenützer zum Nulltarif schwanken zwischen der „Leider-nicht-Reaktion“ im Stile von „Mensch-ärgere-dich-nicht“ und verkrampften Beteuerungen, im Laufe derer zuerst das Kleingeld ausgeht, dann der Entwerter streikt, die Erinnerung versagt und zuletzt der Großvater im Sterben liegt. Krämerseelen machen auf Schadensbegrenzung: „Da nehmen S´ zwa Hunderter, und ollas is paletti!“

Herr Wandel, Kontrollor: „Wegen 200 Schilling riskier´ i mein Beruf net, des können S´ ma glauben.“ Herr Lefuet, sein Freund und Kollege, eine kettenrauchende, übergewichtige Erscheinung, berichtet von anderen Angeboten: „A Zuhälter kummt aus´n Häfn, mir dawischen eam; sagt er: ,I gib euch mei Oide für drei Stund.’ Auf so was lass i mi net ein – nach de drei Stund steht der auf amol in der Tür, a Messer in da Hand und drei Haberer auf jeder Seit´n.“

Eine der beliebtesten Taktiken der Gratisblitzer: die Flucht nach vorn. „Das Recht, jemanden fest zu halten, wurde uns aberkannt“, bedauert Ing. Deutsch, der Chef der „Schwarzkappler“. „Nachrennen zahlt sich nicht aus – man dreht sich um und hat einen anderen.“

Ganz so ist es freilich nicht, denn: „Zehn Mehrgebühren sind eine gute Tagesleistung.“ In diesem Tempo erwirtschaften die 70 täglich eingesetzten Beamten 50 bis 60 Prozent der selbstverursachten Kosten. Sie sind übrigens alle in Zivil; original uniformierte „Schwarze“ sind Revisoren, die in erster Linie für die „Aufrechterhaltung des Fahrbetriebs“ zuständig sind und Fahrscheinkontrollen nur als gelegentlichen Zeitvertreib betrachten.

Wäre es nicht billiger, Tickets wie deren Kontrolle wegzulassen? „Fahrscheine machen 40 bis 50 Prozent unserer Einnahmen aus“, wendet der „Dienststellenleiter der Betriebsüberwachung“ ein. Außerdem bräche das Chaos aus. Der Vandalismus würde zunehmen. Das freie Personal wäre noch das geringste Problem. Er achte ohnehin auf „größtmögliche Wirtschaftlichkeit des Unternehmens“.

Wie wird man Kontrollor? „Wir waren alle früher Fahrer“, erzählt Herr Wandel, während wir im strahlenden Sonnenschein über den Reumannplatz spazieren. „Aber Sie sehn´s eh: bei so an Wetter, womöglich noch auf aner Außenlinie – gibt´s was Schöneres?“ Ich enthalte mich der Stimme und frage lieber, wann er von einer Strafe absehen würde. „Wenn aner eh schon schebbert wia a Kluppensackl – was soll i den no kontrollieren?“

Eine andere Möglichkeit erlebe ich wenige Minuten später mit. Ein feister Mann ohne Ticket sieht dem Kontrollor gelangweilt ins Gesicht und knurrt: „Was wüllst, i bin aus Stan.“ Herr Wandel wollte nichts mehr.

Ein Abstecher nach Oberlaa bringt Erfolg: Der massige Lefuet stellt eine Südeuropäerin, die aufgeregt ihre Unschuld beteuert. Herr Wandel eilt zu Hilfe: „De wehrt se, de sperrt se. Siecht sie, der is net allan, find´s glei an Ausweis und a Geld.“

Inmitten einer Schülerhorde geht´s retour. „Schüler san a Weg, den ma se spart“, genießt Lefuet die verdiente (Ver)-Schnaufpause. Die Bim hält. Wir schlendern gut hundert Meter zum 14A, der uns zum Reumannplatz zurückbringt. Zwischen zwei hastigen „Memphis“ erzählt Herr Lefuet von zwei Kollegen, die einem Zeitungsverkäufer zu Hilfe kamen. „Vier, fünf Skinheads san den ang´stiegen, aber unsere Leit hab´n das Schlimmste verhindert. Die Polizei is a glei gruaf´n word´n und hat no zwa von de Burschen verhaftet.“ – „Ruhe und Sicherheit ist unser oberstes Gebot“, pflichtet Herr Wandel so viel Diensteifer bei und hebt ein Metallstück auf, dam im Einstieg des Autobusses auf dem Boden liegt. „Am Karlsplatz hab´n mir gemeinsam amol an aufg´hob´n, der liegend die Rolltreppen aufeg´for´n is, so blunznfett war der. Oder der Behindertenausflug, wos an vergessen hab´n – der find nimmer ham, wenn mia eam net aufgreifen.“

Die Ausbildung in „gutem Benehmen“ trägt, wie es scheint, schöne Früchte. Zur weiteren Imageverbesserung plant der Chef, seine Mitarbeiter in Richtung Fahrgastinformation zu trimmen. Und wie steht es mit der Gleichberechtigung? „Eine Kollegin ist bereits ausgebildet, eine zweite wird es demnächst sein, dann kommen sie zum Einsatz.“ Wie stehen die alteingesessenen Jäger des verlorenen Fahrscheins zu diesen revolutionären Neuerungen? „I hab nix gegen Frauen, egal in welchem Beruf, aber mir brauchen s´ kane geben“, hält Herr Wandel in unverbrüchlicher Treue zu seinem langjährigen Mitstreiter. Fast zärtlich ergreift er dessen Faust. „Sei Dienstwaffe fahrt anders ein als des Patschhanderl von aner Kollegin.“

Ehre wem Ehre gebührt: So sicher habe ich mich beim Schwarz fahren noch nie gefühlt.