Die Essenz der Demokratie
- Helmuth Santler

- 18. Mai
- 2 Min. Lesezeit

Es könnte alles so wunderbar sein im schönen Kaliste, dem antiken Kleinod von einer Stadt am Mittelmeer. Wenn bloß der König nicht wär oder wenn sich der wenigstens nicht zum wütenden Tyrannen gewandelt hätte. Worum es in seinem Streit mit dem Nachbarkönigreich eigentlich ging, weiß niemand mehr, was daraus geworden ist, ist dafür umso deutlicher: die halbe Stadt im Krieg zerstört, die Felder verbrannt, die Herden vernichtet. Und weil der König natürlich nicht selbst gekämpft hat – „das tun Könige fast nie“ –, sondern die Männer Kalistes in seinen sinnlosen Krieg zwang, sind Unzählige auf dem Schlachtfeld geblieben.
Endlich schaffen sich die Kalister das machtgierige Ekel vom Hals und es stellt sich die Frage: Wie können wir sicher sein, dass dies nie wieder geschieht? Gerechte Gesetze müssen her! Doch wer soll diese beschließen, wenn alle zuerst an sich denken? Ein Kind, lautet die Antwort; welches auch immer das Rätsel der Sphinx löst. Als Einzigem gelingt es Alexander, einem klugen, in sich gekehrten Jungen, der seinen Vater im Krieg des Tyrannen verloren hat. Verloren? Nein. „Menschen gehen nicht verloren. Er wurde mir weggenommen“, stellt Alexander richtig.
Und macht sich auf den Weg in die Hauptstadt, um für Kaliste die gerechten Gesetze zu finden. Die Zeit drängt, denn der General des anderen Königreichs will eine Garantie, dass sie niemals wieder angegriffen werden – und gibt es diese nicht binnen sieben Tagen, müssten sie Kaliste endgültig dem Erdboden gleichmachen.
Auf seinem Weg trifft Alexander einen Winzer, einen Modeschöpfer, einen Philosophen, der in einem Fass lebt, ein Orakel … und lernt Begegnung für Begegnung die Grundrechte kennen. Die unantastbare Freiheit des Menschen, das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Gleichheit vor dem Gesetz. Die Freiheit der Lebensführung und die Grenzen dieser Freiheit. Und über allem: die Würde. „Wenn wir diese Würde ernst nehmen, wird kein Tyrann und kein Krieg und keine Unterdrückung mehr möglich sein.“
Ferdinand von Schirach hat mit Alexander, seinem ersten Kinderbuch, die Essenz der demokratischen Grundordnung und des friedlichen Zusammenlebens in die Form einer Parabel gegossen, die sich an die Seite großer Weisheitsliteratur stellt. Einer Literatur, die schon Fünfjährigen zugänglich ist und selbst 100-Jährigen noch Aha-Erlebnisse beschert. Das antike Setting erlaubt ein feinsinniges Spiel mit den Mythen und Geschichten aus der Wiege der Demokratie. Poetisch und voll warmherzigem Humor ist der Text, die Sprache von schlichter, gänzlich uneitler Schönheit – und dann auch wieder sehr direkt und wunderbar bissig. Das Highlight darunter Schirachs Illustration des Schaumschlägers: Ein anderer Ex-Tyrann, der entmachtet wurde und seither in einer Badewanne auf dem Hauptplatz sitzt. Damit niemand sieht, dass er splitternackt ist, muss er ständig Schaum produzieren. Nur eine ebenso markante wie berüchtigte gelbe Haartolle ragt hervor …
Auch deshalb sollte dieses große kleine Büchlein in keinem bibliophilen Haushalt fehlen.
Ferdinand von Schirach, „Alexander“. € 18,50 / 154 S. Penguin Junior, München 2026
Standard online seit 16.05.2026



Kommentare