Familienausflug in eine neue alte Welt
- Helmuth Santler

- 20. März
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Apr.

Die außerhalb Spaniens weitgehend unbekannte eisenzeitliche Kultur der Iberer ist erstmals in Österreich zu erleben: außergewöhnlich gelungene, fundierte wie zugängliche Ausstellung im Mamuz Mistelbach.
„Kultureller Austausch befruchtet“, erklärt Laurent Gorgerat vom Antikenmuseum Basel auf die Frage, was ihn an den Iberern im Speziellen fasziniert. „Und genau das zeigen uns die Iberer. Um sie zu verstehen, müssen wir ans andere Ende des Mittelmeers, zu den Phöniziern.“ Das Handels- und Seefahrervolk aus dem Gebiet des heutigen Libanon brachte weit mehr als Keramik, Gewürze und sonstige Luxusgüter an die iberische Ostküste: Wir verdanken ihm auch, dass wir heute Rioja und Tempranillo genießen können, brachten sie doch den Weinanbau in die Region. Und vor allem: die Schrift.
Mit der die Iberer verfuhren wie mit allem anderen, was in ihren Einflussbereich geriet: für sinnvoll Erachtetes wurde aufgenommen, adaptiert und in neuer Form zum Teil der eigenen Kultur und Identität gemacht. Befruchtender kultureller Austausch eben, wie er in Zeiten der Abkapselung und des stumpfen Nationalismus so manchen gerade heute wieder gut anstünde.
„Die geheimnisvolle Welt der Iberer“ ist dabei selbst die glänzende Frucht von Kooperation und Austausch: Die fast 300 Exponate stammen aus dem Museu d’Arqueologia de Catalunya in Barcelona und sind nun nach Bonn 1998 und dem wissenschaftlich unterstützenden Antikenmuseum Basel 2023 erst zum dritten und vielleicht letzten Mal im deutschsprachigen Raum zu sehen. Barcelona-Basel-Mistelbach: Der berechtigte, mit sympathischem Augenzwinkern servierte Stolz der Mamuz-Betreiber ob dieses Coups war bei der Eröffnung nicht zu überhören.

Stichwort „geheimnisvoll“
Was hat es aber nun auf sich mit dieser außerhalb Spaniens faktisch nicht wahrgenommenen Gesellschaft aus verschiedenen Stämmen, für die, möglicherweise abgeleitet vom Fluss Ebro, der Sammelbegriff Iberer geprägt wurde? Vieles über diese eisenzeitliche Kultur bleibt „geheimnisvoll“: Wir können die (zu) wenigen erhaltenen Schriftzeugnisse lesen, aber nicht verstehen, da es sich beim Iberischen um eine isolierte, nicht indo-europäische Sprache handelt. Eine vermutete Verwandtschaft mit dem ebenfalls isolierten Baskischen und der Einsatz von KI sind die Hoffnungsschimmer der Forschung, auch dem immateriellen iberischen Kulturerbe, ihrem Pantheon, ihrer Mythologie, ihren Glaubensvorstellungen, auf die Spur zu kommen. Der gelebte kulturelle Austausch und die Eigenart der iberischen Stämme, Dinge nicht bloß zu kopieren, sondern zu rezipieren und sich zu eigen zu machen, wird jedoch anhand einer Vielzahl vergleichender Stücke deutlich: ein importiertes original attisches Weinmischgefäß neben der weniger pompösen, eleganteren iberischen Form; ein Weihrauchbrenner zu Ehren der griechischen Göttin der Fruchtbarkeit, Demeter, den die Iberer in ihrer Darstellung mit einer den eigenen Gepflogenheiten angepassten Kopfbedeckung versahen.

Deutlich wird auch, dass diese immer noch mitunter abwertend als Randkultur bezeichnete Gesellschaft alle Charakteristika einer Hochkultur aufwies: eigene Schrift, eigene Bild- und Formsprache. Das berühmteste Beispiel dafür ist die Frauen-Büste „Dama de Elche“, deren Original das madrilenische Nationalmuseum nie verlassen darf. Es ist als Replik zu sehen. Der Großteil der Ausstellungsstücke, die fast ausschließlich aus Nekropolen stammen, sind jedoch Originale; hervorhebenswert darunter gleich eingangs eine Kalkstein-Reiterstatue, diverse reich ornamentierte, typisch iberische Keramik und Votivstatuetten. Unumstrittenes Highlight in Sachen Original-Exponate ist jedoch der vor fast 100 Jahren von einem spanischen Landarbeiter entdeckte Silber-Schatz von Tivissa und hier wiederum die Omphalos-Schalen, die für Trankopfer verwendet wurden. Die Kunstfertigkeit und Ausdruckskraft, die diese Stücke auszeichnet, ist staunenswert und ehrfurchtgebietend.

Bei aller wissenschaftlichen Akribie ist es den Ausstellungsmachern ein Anliegen, Kinder und Jugendliche anzusprechen. „Als Erlebnismuseum ist es unser Anspruch, Wissen altersgerecht und spielerisch zu vermitteln“, erklärt der Geschäftsführer Christoph Mayer. Sechs Mitmach-Stationen laden zu (wissensvermittelndem) Kurzweil ein, ein an der Kassa gratis erhältliches Rätselheft dazu, sich auch in jungen Jahren inhaltlich genauer mit dem Gebotenen auseinanderzusetzen.
„Die geheimnisvolle Welt der Iberer“. Mamuz Mistelbach, 14.3. bis 29.11.2026



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