Wir alle sind Legion

Wir alle sind Legion: eine mehr oder weniger chaotische Mischung aus Persönlichkeitsanteilen, die sich je nach Situation in den Vordergrund drängen oder im Keller des Unterbewussten verschwinden. Wir alle sind alles, wenn auch in sehr unterschiedlicher Verteilung: Casanova, Bürokratin, Chefin, Angeber, verklemmt, mutig, feige, euphorisch, depressiv usw. usf. In Legion – Die vielen Leben des Stephen Leeds hat sich der erfolgreiche Science-Fiction- und Fantasy-Autor Brandon Sanderson einen speziellen Dreh erdacht, dieses psychologische Faktum in eine Story zu verwandeln: Sein Held, aus dessen Ich-Perspektive wir in drei Novellen das Geschehen geschildert bekommen, ist Detektiv, Genie – und schizophren. Jedoch ist es ihm gelungen – etwas Superkraft darf sein –, sich seiner Halluzinationen nicht nur vollkommen bewusst zu werden, sondern sie sogar bewusst entstehen zu lassen. Seine „Aspekte“ dienen ihm dazu, in kürzester Zeit Spezialwissen zu erlangen oder neue Sprachen zu lernen. Ein, zwei Bücher über Kryptografie quergelesen, schon ist ein neuer Aspekt geboren, Expertin für Codebreaking und (analoges) Hacking, und kommt fallbezogen zum Einsatz.
Das Problem: Im Lauf der Zeit haben die unterschiedlichsten Fälle von der verschwundenen Kamera, die Bilder aus der Vergangenheit schießt, bis zum Leichnam, in dessen Zellen mit einem revolutionären Verfahren enorme Datenmengen abgespeichert wurden, immer neue Fähigkeiten erfordert – und immer neue Aspekte entstehen lassen. Mittlerweile gibt es zwar ein Standardteam bestehend aus Ivy, der Psychologin, die Stephen die mangelnde Empathie er- und menschliches Verhalten übersetzt, Tobias, dem kunstsinnigen Historiker, und J. C., dem stets schussbereiten Navy Seal, darüber hinaus tummeln sich aber über 50 Aspekte in seinem Leben – und sich diese alle zu imaginieren, bringt Stephen zunehmend an den Rand seiner geistigen Kapazitäten.
Was hilft, gehört zu den schillerndsten Elementen des Buchs: Stephen behandelt seine Aspekte wie reale Personen. Sie bewohnen eigene Zimmer in seinem riesigen Anwesen, benötigen eigene Flugtickets und bekommen Essen serviert. Und während so Stephens Verhalten für alle Außenstehenden vollkommen irre wirkt, ist er selbst sich sicher: „Ich erfreue mich vollkommener geistiger Gesundheit. Aber meine Halluzinationen sind allesamt ziemlich verrückt.“ Eine hat sogar selbst Halluzinationen …
Thriller, Detektivgeschichte, Psycho-Farce, Science-Fiction, Komödie – hier hat sich ein überaus versierter Autor aus dem Alltagsgeschäft ausgeklinkt und der hemmungslosen Schreib- und Fabulierlust gefrönt. Und es funktioniert: Der schiere Einfallsreichtum vermag zu fesseln, die Raffinesse, mit der Stephen seine Ermittlungen führt, sorgt für diverse Aha-Erlebnisse, Schreibe wie Übersetzung sind sowieso untadelig. Wenn am Ende etwas düsterere Töne erklingen, bekommt das Ganze auch noch – autobiografisch gefärbten – Tiefgang. Nice and cool.
Brandon Sanderson, „Legion – Die vielen Leben des Stephen Leeds“. € 18,– / 416 S. Heyne, München 2026
Im Standard Online seit 22. August 2026




Kommentare