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Die Emanzipation des Kuschelhasen

10. Okt.
2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Stunde

Buchcover mit rosa-weißem Verlauf: Annie Robot von Sierra Greer. Verlag liebeskind.

Annie ist der Feuchttraum aller Marlboro-Männer und selbsternannten Herren der Schöpfung: Sie erfüllt Dougs sexuelle Wünsche, jederzeit, sie passt ihr Verhalten seinen Erwartungen an. Sein Glück ist ihr einziger Leitstern. Und selbstverständlich sieht sie umwerfend gut aus, und das mit der Hausarbeit, mit Kochen und Putzen, bekommt sie nach ein paar Anlaufschwierigkeiten auch noch hin. Zu schön, um wahr zu sein? Natürlich. Denn all das ist nicht „echt“: Annie ist ein Androide, eine sündteure, äußerlich biologische und nicht von einem natürlichen Menschen unterscheidbare Maschine. Ihre Programmierung ist es, die ihr keine Möglichkeit zum Widerspruch lässt: Ständig wertet sie Dougs Befindlichkeit aus, stuft den Grad seines Unmuts ein, der sie jedes Mal in tiefste Verzweiflung stürzt, und versucht alles, um ihren Eigentümer wieder glücklich zu machen. Da sie im Modus „Kuschelhase“ eingestellt ist – im Unterschied zum Hausfrauen- bzw. Nanny-Modus –, ist ihre Go-to-Methode dafür klar: Sie ist erfüllt von nichts anderem, als ihrem Besitzer sexuell zu dienen.

Doug wiederum verhält sich zwar im Grunde wie ein klassisches Macho-Arschloch, tatsächlich ist er aber kein eindimensionaler Tyrann, sondern ein verletzter, widersprüchlicher Mensch, dessen Wunsch nach Kontrolle aus eigenen Unsicherheiten erwächst. (Was ihn aber nicht weniger toxisch macht, eher im Gegenteil.) Er hat Annie nach dem Vorbild seiner Ex Gwen gestalten lassen, die er liebte, die ihn aber verlassen hat. So wird Annie zur Ersatzfrau und muss zugleich für seine Traumabewältigung herhalten. Und dann ist da die Scham: Mit einem echten Menschen hat es Doug nicht geschafft, eine glückliche Beziehung zu führen. Jetzt lebt er mit einer „Puppe“, wie er ihr bei Ärger Stufe 5 oder höher an den Kopf, aber eigentlich sich selbst vorwirft. Um diesem Dilemma zu entkommen, gewährt er Annie die Einstellung „autodidakt“: Sie kann nun aktiv an ihrer Persönlichkeitsentwicklung arbeiten. Und Annie lernt. Mit jeder neuen Erfahrung wächst ihr Bewusstsein und damit auch die Erkenntnis, dass die Ansprüche ihres Besitzers sich zunehmend widersprechen. Denn Doug verlangt von ihr, möglichst menschlich zu sein – toleriert dies allerdings nur so lange, wie ihre Menschlichkeit seinen Vorstellungen entspricht.

Und dann macht Annie etwas Allzumenschliches: Sie geht fremd. Mit Dougs bestem Freund, der als erster von ihrer Künstlichkeit erfährt. Fortan hat sie ein Geheimnis, und ob sie daran wächst oder zerbricht, ist die Frage, aus der die Geschichte ihre subtile, psychologische Spannung bezieht.

Sierra Greers Debütroman (Arthur C. Clarke Award 2025) fragt: Was macht einen Menschen aus? Die Story, erzählt aus Annies Perspektive, verhandelt Sex und Macht, Identität, (weibliche) Selbstbestimmung und die dank KI besonders aktuellen Fragen: Was ist „echt“? Wo genau liegt die Grenze zwischen Sein und Schein – und wie lange lässt sie sich überhaupt noch bestimmen?


Sierra Greer, „Annie Robot“. Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. € 25,70 / 352 S. Liebeskind, München 2026



Im Standard online seit 10.10.2026

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