Wahnsinn mit Struktur
Aktualisiert: vor 57 Minuten

Tokio, 1991. Kleine Mädchen, vier, fünf, sechs Jahre alt, verschwinden spurlos – bis das erste als Leiche gefunden wird. Vergraben, in einen Plastiksack gewickelt und nackt. Weshalb der Verdacht eines pädophilen Gewaltverbrechens naheliegt, allein: Es gibt keinerlei Hinweise auf sexuellen Missbrauch. Auch sonst steht die Polizei vor einem Rätsel: Die Forensik bleibt ergebnislos, es ist kein Motiv erkennbar, vage Augenzeugenberichte tragen nichts zum Fortschritt der Ermittlungen bei. Dessen vollständiges Ausbleiben lässt die Frustration der Polizei im selben Maße steigen wie die Empörung der Presse und der Öffentlichkeit, als weitere Mordfälle publik werden.
Parallel verfolgen wir die Geschichte eines kaputten Mannes: Matsumoto hat „ein Loch in der Brust“ nach einem furchtbaren Verlust und verbringt seine Tage in Einsamkeit und ohne Beschäftigung. Ein gefundenes Fressen für die Scouts der tausenden neuen Religionen, deren okkult-abstruse Lehren allesamt nur Tarnung sind für eine kaum verhüllte Tatsache: Es geht allen nur ums Geld, Religionsgemeinschaften mit Millionen Mitgliedsbeiträge zahlenden Gläubigen sind ein selten lukratives Business dank besonderer Steuervorteile.
Matsumoto jedenfalls ist in seiner Verzweiflung jeglicher Vernunft beraubt und spendet Millionen, um möglichst rasch in der Hierarchie aufzusteigen und an die tiefsten Geheimnisse seines Kultes zu gelangen. Um schließlich bei einer blutigen Opferzeremonie seinen innigsten Wunsch zu äußern: die Wiederauferstehung seiner Tochter. Wofür ihm der unersättlich geldgierige Religionsgründer einen Weg zeigt, den Matsumoto mit tödlicher Entschlossenheit zu beschreiten beginnt.
Tokyo. Schwarzer Sommer ist das bereits vor mehr als 30 Jahren erschienene, gefeierte Debüt von Tokuro Nukui. Der Psychothriller lässt uns tief in die dunkle Seele Japans blicken: Privates ist verpönt, Gefühle werden unterdrückt und verborgen, die Gesichtswahrung nach außen bestimmt zuvorderst Denken und Handeln, selbst wenn dadurch persönlicher Schaden entsteht. Spannung entsteht so über die ersten 300 Seiten so gut wie keine, das zwanghafte Verhalten beobachten zu müssen, ist in seiner gruseligen Faszination aber genug, um Lesende bei der Stange zu halten. Das oftmalige Schildern von polizeiinternen Rangkämpfen, mit Mienenspiel und ultrasubtilen Andeutungen ausgetragenen Rivalitäten und den Austausch von Beleidigungen, die für das ungeschulte Auge mitunter gar nicht als solche zu erkennen sind, stellen indes die Leseausdauer über zig Seiten durchaus auf die Probe. Manche Beweggründe blieben mir unerklärlich bzw. unverständlich, was aber eher meiner Japan-Unkenntnis als dem sorgfältig konstruierten Roman selbst geschuldet sein dürfte, der präzise ausgeführt erscheint. Für die Übersetzung gilt die
s leider nur mit Abstrichen.
Zum Finale hin inklusive schockierendem Plot-Twist erfüllt der Roman freilich alle Wünsche auch in puncto Thrill und Unterhaltungswert. Sperrige, letztlich lohnende Lektüre mit hohem ethnografischem Anteil.
Tokurô Nukui, „Tokyo. Schwarzer Sommer“. € 22,70 / 480 S. Lübbe, Köln 2026
Im Standard online seit 26. 9. 2026




Kommentare