Hochspannungs-Parforcejagd
- Helmuth Santler

- 25. März
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Apr.

„Ich weiß sofort, dass etwas fehlt.“ Mit diesem Satz beginnt Das Signal, und gemeint ist das linke Bein von Viola: Es endet in einem Oberschenkelstumpf. Ein Kellereinsturz, wird ihr gesagt. Denn ihre Erinnerung versagt: was sie in den baufälligen Keller getrieben hat, ob sie allein war, was genau geschehen ist – sie weiß es nicht.
„Doch drei blinde Ratten jagen sieben mal neun zankende Zwerge“: Woher kommen Sätze wie dieser, die ihr ohne Vorwarnung durch den Kopf schießen? Sie ergeben keinerlei Sinn und sind doch festgefügt in ihrem Gedächtnis, das ansonsten viel zu wünschen übrig lässt. Es ist beileibe nicht das einzige Rätsel: Ihr lieber Mann, hat er ihr tatsächlich in einem Interview den Lebenswillen abgesprochen? Wer ist die dunkle Gestalt, die ums Haus schleicht? Warum behandelt sie die Pflegerin, die ihr aufgenötigt wird, als wäre sie ein unmündiges Kind? Sie hat ihr Bein verloren, aber doch nicht ihren Verstand.
Viola ordert sich Micro-Tracker im Internet und beginnt, der Sache auf den Grund zu gehen. Wobei, das mit dem Gehen ist jetzt wirklich unglücklich formuliert, zumal man auch noch ständig ihre Krücken versteckt und den Rollstuhl in den entferntesten Winkel des Zimmers stellt. Klar wird: Sie ist in Gefahr. Warum und durch wen? Dies Puzzlestein für Puzzlestein zu enthüllen, ihre Erinnerung zurückzuerlangen, darum kämpft Viola mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen. Und wir begleiten sie dabei, Seite für atemlose Seite.
Der Psychothriller aus der Bestsellerschmiede Poznanski ist meisterlich: komplexe, mit sicherer Hand entwickelte Charaktere in einem klaustrophobischen Kammerstück, das seinen Würgegriff fast unmerklich um den Hals des Lesers legt, bis der sich nicht mehr aus den Fesseln des Pageturners befreien kann. Wir rooten für Viola, ja, doch ein simples Gut und Böse findet sich in dieser raffinierten Hochspannungs-Parforcejagd an keiner Stelle. Denn auch die Heldin hat ein dunkles Geheimnis.
Ursula Poznanski, „Das Signal“. € 24,70 / 400 S. Knaur HC, München 2026



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