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Wer ist denn nun Orlando?


Buchcover von Virginia Woolfs: Orlando in einer Graphic-Novel-Adaption von Susanne Kuhlendahl. Frauenporträt im Profil auf rotem Hintergrund.

„Wir müssen unsere Worte formen (…) bis sie die dünnste Umhüllung unserer Gedanken werden!“ Weisheit und Poesie werden eins in Orlando, dem queeren Klassiker von Virginia Woolf aus dem Jahr 1928. In diesem (auto)biografisch gefärbten Werk zu Ehren ihrer damaligen Geliebten, Vita Sackville-West, nimmt uns die Autorin, die auch selbst als Biografin ihrer Kunstfigur auftritt, mit auf eine fantastische Reise durch die Jahrhunderte, Kulturen und – Geschlechter.

Orlando, der junge Edelmann und Poet im elisabethanischen Zeitalter, Künstlerseele, Träumer, Verführer und Verführter, spätes Liebesglück und größter Herzschmerz der Königin, er wird sie noch kennenlernen, die andere Seite. Denn eines Tages, inmitten seiner amourös bewegtesten Jahre als Gesandter am osmanischen Hof, fällt er in einen totenähnlichen Schlaf – und erwacht als liebreizende Frau. Nach außen gänzlich verwandelt, im Inneren er/sie selbst geblieben, erfährt Orlando nun, welch Unterschied der kleine Unterschied macht, der doch nur für alle anderen existiert. Sie spielt damit, liebt und genießt alle Menschen ohne Unterschied, erkennt die Narretei der Männer wie der Frauen. Sie ist, Jahrzehnte bevor es diesen Begriff gab, genderfluid in Wort, Tat und Gedanken. Ermöglicht hat ihr das der biologische Wandel des Geschlechts, und das ist vielleicht die feministischste Position, die Woolf vertritt: Frauen sind freier und mutiger darin, ihre Genderidentität infrage zu stellen. Das mittlerweile überkommene, faktisch aber nach wie vor dominierende männliche Selbstverständnis der geschlechtsbedingten Überlegenheit ist hingegen fest ans Heteronormative gebunden. Das eine bedingt das andere, eine genderfluide Identität bedeutete zwingend das Ende der maskulinen Superiorität, die derart naturgemäß ad absurdum geführt würde.


Selbstbestimmter Weg

Mit Orlando erhielt die queere Community ihr gültiges literarisches Denkmal schon vor fast 100 Jahren, lange bevor das Pendel der Weltsicht sich in der Christopher Street hin zu Offenheit und Toleranz zu bewegen begann. Und wenn heute eine rückwärtsgewandte Bewegung vieles wieder zunichte zu machen droht, so zeigen uns die Erlebnisse des vom Edelmann als Edelfrau zum Edelmensch Gewordenen, dass auch dies nichts Neues ist: Denn auf die Hochphase, in der Orlando sein/ihre Pansexualität frei leben kann, folgen die Prüderie und Engstirnigkeit des viktorianischen Zeitalters, das all dem ein Ende und die Frauen zu Menschen zweiter Klasse macht – per Gesetz. Orlando muss nun um ihr Erbe kämpfen, weil es nur als sein Erbe anerkannt würde (an dieser Stelle durchbricht die Realität die Fiktion, denn auch Woolfs Geliebte wurde ihr Erbe versagt: ein „Kalenderhaus“ mit 365 Zimmern, 52 Treppen, 12 Innenhöfen fiel an einen entfernten Cousin x-ten Grades). Nichtsdestotrotz bahnt sich, Orlando ist mittlerweile in Woolfs Gegenwart angekommen, die moderne Frau zuletzt ihren eigenen, selbstbestimmten Weg – indem sie sich männlich attribuierter Ellbogentaktik bedient.


Soundtrack für die Augen

Diesen kunstvollen, Poesie, Geschichte, Biografie, Fantastik und Realistik verbindenden und dabei präzise beobachtenden Text hebt die Grafikerin und Illustratorin Susanne Kuhlendahl in ihrer Graphic-Novel-Adaption auf eine neue Stufe. Den ausgewählten Sätzen, sämtlich mit Woolf’scher Fabulierlust zu dünnsten Gedankenumhüllungen geformte Originalzitate, legt Kuhlendahl die passenden Kleider an, historisch korrekt und der Stimmung von Zeit und Ort farblich angepasst. Auch sie fabuliert, lässt den Text mäandern, Figuren tanzen, spielt mit Panels und Anordnungen und komponierte in zweieinhalbjähriger Arbeit eine Bildersinfonie, die dem Wesen der literarischen Vorlage nicht bloß gerecht wird, sondern wie ein herausragender optischer Soundtrack die Seele des Werks zum Leuchten bringt. Wunderbar!


Virginia Woolf, Susanne Kuhlendahl, „Orlando“. Eine Graphic Novel nach Virginia Woolfs queerem Klassiker. € 27,60 / 208 Seiten. Helvetiq Verlag, Basel, Lausanne 2026


Im Standard online seit 23.05.26

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