Der Weg zum Frieden führt über den Schmerz
- Helmuth Santler

- 19. Mai
- 1 Min. Lesezeit

In der Matria, dem matriarchalisch geführten, nach außen abgeschotteten Stadtstaat, gibt es keine Armut, keine Gewalt, keine Furcht, Frauen und Kinder leben endlich in Sicherheit: Willkommen im weiblichen Utopia, gegründet auf der Basis von Fürsorge und Liebe.
In der Matria müssen Jungen mit dem Eintritt in die Pubertät ein Camp aufsuchen, von dem nicht alle zurückkehren. Es gibt permanente Kontrolle und Freiheit ist ein Luxus, der nicht jedem zugestanden wird: Die Matria ist eine extremfeministische Dystopie, in der sich staatlich verordneter Sexismus gegen alle mit einem Y-Chromosom richtet.
Matria entzieht sich der Zuordnung zu Utopie oder Dystopie, Tobias Elsäßer nennt sie eine „Femtopie“. Wir erleben die Gratwanderung einer Gesellschaft zwischen Fürsorge und überreguliertem Überwachungsstaat aus der Sicht des 15-jährigen Elias, der in Aleika verliebt ist, aber weder sich selbst noch seiner erwachenden Sexualität über den Weg traut. Er kennt seinen Vater nicht, weiß nur, dass seine Mutter vor ihm in die Matria geflohen ist. Stimmt das überhaupt? Wie soll er einem System vertrauen, das junge Männer wie ihn unter Generalverdacht stellt? Aber hat die Matria angesichts von Femiziden, einer zerstörten Welt und dem patriarchalisch rückwärtsgewandten, jederzeit gewaltbereiten (männlichen) Widerstand, der ihr von allem außerhalb entgegenschlägt, denn eine andere Wahl?
Ein beklemmender, geradezu verstörender Text, der Wege aufzeigt und zugleich das Potenzial zum Irrweg offenlegt, das allem menschlichen Streben eigen ist. Elias muss sich mit sich selbst konfrontieren und harten Fragen stellen: Wer bin ich? Wozu bin ich fähig? Bin ich bereit, zu kämpfen, bereit, zu töten – und wofür?
Tobias Elsäßer, „Matria. Eine Stadt. Eine Prüfung. Ein Schicksal“. € 16,50 / 240 S. Thienemann, Stuttgart 2026



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