Sie küssten und sie schlugen sich
- Helmuth Santler

- 12. Mai
- 2 Min. Lesezeit

Da ist Dylan, der Kickboxer mit dem Aggressionsproblem, sein bester Freund Sergio, der als Stricher … also nein, als pansexueller SEXARBEITER jede Menge Kasse macht, womit Dylan ein Riesenproblem hat, weil es doch absolut schwul ist, sich von Typen einen blasen zu lassen, womit wiederum Sergio ein Problem hat, weil schwul als Schimpfwort so MEGASEXISTISCH ist. So unwahrscheinlich es auch sein mag, aber ausgerechnet diese beiden krassen Jungs werden Joshuas FREUNDE. Joshua, der noch nie Sex hatte, der nicht kämpfen kann, selten was sagt und viel mehr Dinge nicht mag als doch. Was er kann, ist super zeichnen und malen, weshalb er „Rembrandt“ gerufen wird. Und was er mag, außer Kunst, die er mag, sind Mädchen. Irgendwie alle. Will er später mal studieren. Sind nämlich irre kompliziert. Die Mädchen. Gerade Lindsay, die es mit jedem treibt (heißt es) (und die dann dafür von Dylan eine aufs Maul kriegen. Heißt es.). Lindsay, die ihm Geburtstagssex anbietet. Lehnt er ab. Aus Angst. Vor Dylan. Und vor Lindsay. Lindsay, die ihm Modell stehen will. Nackt, natürlich. NEEEEIIINNN!!! Lindsay, die so schön ist. Besonders, wenn sie tanzt. Mit der alle Sex wollen. Und die sich bei ihm ausheult, weil sie alle so anglotzen. Aber wieso präsentiert sie sich dann wie eine Nutte?
Es geht drastisch zu Werke im niederländischen Jugendbuch des Jahres 2024. Im Tonfall. In der Sache. Doch nach einem maximal exzessiven Einstieg schälen sie sich langsam heraus, die üblichen Verdächtigen im Teenageralter: Unsicherheit, Selbstzweifel. Vergangenheit. Trauer. Liebe und Sex, Liebe ohne Sex, Sex ohne Liebe – oder doch nur Freunde bleiben? Was bedeutet es, dass Lindsay ungeschminkt im Schlabberlook bei ihm ist, wo sie sich doch sonst immer aufbrezelt, als ginge sie auf den Sexkriegspfad? Ist Sergio nun schwul? Oder bi? Oder pan? Viel wichtiger ist doch: Kann er erklären, wie man vom Küssen zum richtigen Sex kommt?
Wer meint, die Jugend werde immer braver und angepasster und enthaltsamer: nicht bei Erna Sassen. Ihre Typen sind Gangsta-Rapper: „WIR WOLLEN PARTY MACHEN, SAUFEN, KREISCHEN, UNS PRÜGELN UND SACHEN IN BRAND SETZEN!“ Ihre Prosa ist Punk, die Illustrationen das perfekte Bühnenbild für diese Rockoper von einem Buch. Ein Rodeo.
Erna Sassen, „Such dir keinen besten Freund“. € 20,60 / 272 S. Freies Geistesleben, Stuttgart 2025

1001 Buch, Ausgabe 01/26



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