White Mirror
- Helmuth Santler

- 27. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Das Faktum: Vermehrte Hangrutschungen aufgrund von Starkregen, Dürren und dem Auftauen des Permafrostbodens in den Bergen gehören zu den vielen potenziell desaströsen Folgen der Klimakrise. Genau das geschieht zum Auftakt des virtuos mit Genres spielenden Romans mit Blick auf den Comer See in der Lombardei: Der Nordhang des Monte Croce stürzt in die Tiefe. Und das nur einen Tag, nachdem eben dort ein Mann gefunden wurde, der anscheinend mit Vögeln spricht.
Weitere Bergstürze folgen und einige vage Indizien später wird der „Vogelmann“, befeuert von den gottesfürchtigen Gebeten einer Ordensschwester, zum neuen Franziskus mythologisiert: Die Rabenvögel, wussten sie von den bevorstehenden Naturkatastrophen – und haben sie den „Vogelmann“ gewarnt und er dann uns?
Währenddessen wird auch von betont rationaler Seite mithilfe von KI versucht, die Krähensprache zu entschlüsseln, um die klugen Tiere für menschliche Zwecke zu instrumentalisieren, zum Beispiel für die Opfersuche in besonders schwer zugänglichen und/oder weitläufigen Gebieten. Eine renommierte Krähenforscherin wird dem „neuen Franziskus“ zur Seite gestellt, um durch das Dickicht aus Psychose, Wahn und Wirklichkeit zu so etwas wie Wahrheit zu gelangen. Die „Burnt Generation“ macht mit drastischen Sabotageakten wie zubetonierten Auspuffen für Klimaschutz mobil. Eine Unternehmensberaterin ist es leid, für Greenwashing ihre Seele zu verkaufen, und entwickelt ein nachhaltiges Geschäftsmodell für die Alpenregion. Und die Lokalpolitik am Comer See, an dem längst alle unter der Last des Overtourism stöhnen? Will ein „Little Tibet“ genanntes Monster-Wellnesshotelprojekt inmitten der letzten Reste unberührter Berglandschaft umsetzen. Aurelio, genannt der Tibeter, Extrembergsteiger, Rifugio-Betreiber und der personale Anker der ganzen Story, ist strikt gegen das protzige und aus der Zeit gefallene Projekt. Wie auch die drei tibetischen Mönche, die monatelang bei ihm zu Gast sind und für die buddhistisch-spirituelle Unterfütterung des Geschehens sorgen – und generell alle „Guten“ in dieser Geschichte.
Soweit die Zutaten für einen ebenso unterhaltsamen wie tiefgründigen Mix aus Near-Future-Science-Fiction, Politsatire, Politthriller und Gesellschaftsroman, gewürzt mit einer kräftigen Prise von magischem Realismus deutscher Bauart. Fakt und Fiktion und unterschiedlichste Genres sind in diesem intelligenten Schelmenstück fugenlos verzahnt, die komplexe Story wird bestens konstruiert dargeboten und dank der Einbindung der Krähen als Charaktere betritt man darüber hinaus noch eine Metaebene, auf die man gar nicht genug hinweisen kann: die nämlich, auf der alle Wesen, ja alle Erscheinungen wertgleiche Teile eines unfassbar großen Ganzen sind.
Erdrutsch ist der Auftakt einer neuen Buchreihe: „Mit kritischer Fantasie entwerfen die Autoren mögliche Versionen der allernächsten Zukunft“, heißt es dazu im Pressetext. Die Vorschau auf den für das Frühjahr 2026 angekündigten zweiten Roman, in dem sich Spinnen/Wolkenstein der Frage widmen, was die Folgen des rasanten Niedergangs der Amtskirchen sein könnten, stellt klar, dass jedoch keineswegs ein klassisches Serienkonzept verfolgt wird, sondern eine Anthologie in Einzelbänden: gewissermaßen das humorvolle, ironische und utopische Gegenstück zur Near-Future-Dystopie-Serie „Black Mirror“.
Burkhard Spinnen, Charles Wolkenstein, „Erdrutsch“. € 25,70 / 352 S. Kanon, Berlin 2025
Im Standard online (20.12.2025)



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